„Es war eine schöne, schlimme Zeit!“

Rollentausch: Für einen Tag begleitete Martina Stamm-Fibich als „Praktikantin“ die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Mudra-Drogenhilfe. Fotos (2): editorial247.com

19.11.2015 – Seit der Gründung im Jahr 1980 kümmert sich die  mudra – Alternative Jugend- und Drogenhilfe e.V. um Drogenkonsumenten in Nürnberg und der Region. Das Arbeitsspektrum umfasst ambulante und stationäre Angebote, die Beratung Betroffener und Angehöriger führt über Prävention, Streetwork, Betreuung und Substitutionsbegleitung bis hin zu therapeutischen Hilfen, Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekten und Nachsorge. Einen Tag verbrachte die Bundestagsabgeordnete Martina Stamm-Fibich als „Praktikantin“ bei der mudra, traf Mitarbeiter und Betroffene.

„Es war eine schöne, schlimme Zeit“. Sechs Wörter, die hängen bleiben. Jürgen ist seit seinem 18. Lebensjahr drogenabhängig. Schon mit 16 entfloh er dem Elternhaus, in dem Gewalt an der Tagesordnung war. Zigaretten, Alkohol, Cannabis, LSD, Speed, Heroin. Der 50–Jährige hat alles ausprobiert und dabei fast alles verloren. Familie, Wohnung, Beruf. „Warum die Zeit schön gewesen ist?“, will Martina Stamm-Fibich wissen. „Alles war so einfach, die Probleme weit weg, man hat sich im Rausch einfach wohl gefühlt“, sagt Jürgen.

Vor 15 Jahren wäre er an einer Überdosis fast gestorben, ein Schlaganfall kam hinzu. Erst dann habe es Klick gemacht. Der Traum, im Rausch dem stetig wachsenden Berg an Problemen und Schuldgefühlen zu entfliehen, platzte. Ihm wurde klar, dass er gegen seine Sucht ankämpfen muss. Drei erfolglose Therapien hatte Jürgen hinter sich, bis ihn sein Weg zur mudra führte. Er traf Menschen, die ihm zuhören, unterstützen, seine Probleme ernst nehmen. „Ich bin auf einem guten Weg, aber der Suchtdruck ist da. Er wird mich mein Leben lang begleiten“, weiß er. Jürgen will stark bleiben, versucht sich Stück für Stück in ein normales Leben zurück zu kämpfen, hat wieder Kontakt zu seiner Familie. Ohne die mudra, so sagt er, wäre er wohl längst unter der Erde.

Miriam Houppert kennt alle Geschichten. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet seit 20 Jahren bei der mudra, betreut im Substitutionsbereich die Abhängigen. Die Nachfrage ist riesig. Mit 120 Beratungsgesprächen im Jahr habe man begonnen, erzählt sie, im Jahr 2014 waren es bereits 600. „Wir haben große Probleme, für die Menschen bezahlbare Wohnungen zu finden. Das ist aber essentiell, um einen Neustart zu beginnen“, nennt sie nur eine der großen Herausforderungen.

Auch in den Werkstätten der mudra in der Schieräckerstraße wird die Bundestagsabgeordnete mit den alltäglichen Problemen der Betroffenen konfrontiert. „Wir brauchen dringend einen zweiten Arbeitsmarkt“, sagt Leiter Max Hopperdietzel. In den Arbeitsbereichen Wald und Holz, in der Kreativwerkstatt, mit Tagesjobs und einem Reinigungsdienst versucht die mudra ehemalige Abhängige ins Berufsleben zurückzuführen.

Im Gespräch mit den Mudra-Mitarbeitern Miriam Houppe, Norbert Wittmann und Bertram Wehner (v.li.)

Die Rückkehr in den beruflichen Alltag ist eine Herkulesaufgabe. Die tägliche Substitution beim Arzt, das immer dünner werdende Netz an substituierenden Ärzten,  das Fehlen eines Führerscheins und die körperliche Beeinträchtigung durch den jahrelangen Drogenkonsum, lassen die Erfolgsaussichten auf eine Einstellung in einem Betrieb  auf ein Minimum schwinden. Hinzu kommt das Stigma das  ehemaligen Drogenkonsumenten anhaftet. Einmal Junkie, immer Junkie.

Norbert Wittmann sieht im Kampf gegen die Drogen nur eine Chance:  die Prävention. Der 50-jährige Diplom-Sozialpädagoge hat mit seinem Projekt „Über den Berg“ , bei dem er mit Drogenabhängigen Kletter- und Trekking-Touren durch die Berge unternimmt, die Teilnehmer an ihre Grenzen, raus aus ihrem dumpfen Drogenalltag gebracht, neue Wege aufgezeigt. Regelmäßig treffen sich die Teilnehmer im Café Kraft zum Training, viele haben den Absprung aus der Sackgasse geschafft.

„Verbote bringen wenig, das spornt viele sogar noch an. Es war noch nie so einfach an Mittel zu kommen, wie heute. Unsere einzige Chance ist es, da zu sein, bevor es zum Erstkonsum kommt“, bekräftigt Wittmann.  Beim 24. Kongress der Deutschen Suchtmedizin in Berlin Anfang November wurde eine Forderung klar formuliert: „Wir brauchen das Schulfach Lernkompetenz“, sagt Wittmann, „müssen die jungen Menschen abholen, ihnen Sozialkompetenz vermitteln, den Umgang mit den wichtigen Themen unserer Zeit.“