Projekt PAGS: Schule einmal ganz anders

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Stellte sein Projekt vor: Rektor Joachim Uihlein (2.v.r.) mit den SPD- Bundestagsabgeordneten Carsten Träger, Dr. Dorothee Schlegel und Martina Stamm-Fibich. (v.l.). Mit dabei war auch die SPD-Landtagskandidatin für den Kreis Main-Tauber Ute Schindler-Neidlein (re.).

31.07.2015 – Joachim Uihlein ist seit dieser Woche in Rente. Der 65-Jährige hat sich getraut, was in Bayern derzeit noch undenkbar ist. Er hat seine Schule reformiert. Unkonventionell, mutig und mit großem Erfolg. Ein Pilotprojekt, das in Baden-Württemberg für Furore gesorgt hat und sorgt. In Külsheim, einer 6000-Einwohner-Stadt im Main-Tauber-Kreis

Die mittelfränkischen Bundestagsabgeordneten Martina Stamm-Fibich und Carsten Träger waren nicht die Ersten, die sich vor Ort in der Pater-Alois-Grimm-Schule (PAGS), einen Eindruck von der neuen Form einer Gesamtschule einen Eindruck verschaffen wollten. „Für mich ist die alte Form des Unterrichts sechs Stunden Gewalt, eine Form von überfordern und unterfordern. Die Lehrer machen sich dabei kaputt, die Meute unfallfrei durch den Vormittag zu bringen“, sagt Uihlein.

Unterricht nach Lehrplan, das entspreche nicht seiner Auffassung. Schon zu Studienzeiten in den 60er Jahren hatte Uihlein seine Gedanken für die perfekte Schule in Seminararbeiten niedergeschrieben. 2009 war er endlich am Ziel. Gegen viele Widerstände musste er ankämpfen, bis er seinen Kopf durchgesetzt hatte und mit dem „Haus des Lernens“ eine mittlerweile landesweit anerkannte Vorzeigeschule, die von frischen Ideen und Engagement lebt, durchsetzen konnte.

Ziel war es, den Schülern den Druck zu nehmen, sie auf ihre Persönlichkeit angepasst, den Lehrstoff mit Spaß und viel Eigenverantwortung zu übermitteln. „Wir haben nicht diesen einen Lehrplan für alle Kinder eine Klasse“, erklärt Uihlein. Der Unterrichtsstoff wird auf jeden einzelnen Schüler zugeschnitten. Dafür wurden eigens Lehrpläne entwickelt. Wer fit ist und mehr kann, muss schneller sein als der Rest. Noten gibt es keine. Stattdessen schriftliche Bewertungen.

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Ein Beispiel: So sieht einer der Lehrpläne für Englisch aus. Die Farben kennzeichnen den Schwierigkeitsgrad.

 

Nur für den Hauptschulabschluss in der 9. und 10. Klasse sowie beim Realschulabschluss in der 10. Klasse werden Noten verteilt. Nach dem Abschluss der Klassenstufe 10 der Gemeinschaftsschule können die Schüler in eine berufliche Ausbildung gehen, an ein berufliches Gymnasium wechseln oder die gymnasiale Oberstufe eines allgemein bildenden Gymnasiums besuchen.

„Wir brauchen nicht nur Akademiker, sondern auch Leute, die uns die Heizung reparieren können“, sagt Uihlein, der über Jahre mit Sorge das Aussterben der Werk-Realschulen betrachtete. „Gerade in ländlich geprägten Gegenden mit vielen Familienbetrieben brauchen wir nicht nur Studierte“, sagt der 65-Jährige. Auch die Schule im ländlich geprägten Külheim stand vor dem Aus. Mittlerweile sind 480 Schüler gemeldet, vier Buslinien aus dem Umland steuern die Schule an, aus den umliegenden größeren Städten und sogar aus dem angrenzenden Bayern kommen Kinder ins PAGS.

Uihlein verdeutlicht sein Konzept anhand des Englisch-Unterrichts. „Basis ist das Englischbuch der Realschule. Von diesem Niveau aus gibt es Ab-und Hochstufungen. Mittlerweile gibt es von Verlagen die passende Literatur, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Schüler. Wer richtig gut ist, kann bereits ab der 7. Klasse zusätzlich Französisch als Fremdsprache hinzunehmen.“ Was Uihlein besonders wichtig ist: „Wenn ein Schüler etwas nicht verstanden hat, dann muss er es sagen.“ Eigeninitiative, Vertrauen, der Gemeinschaftsgedanke, der mit gelebter Inklusion bereichert wird, und der Glaube an sich selbst werden im PAGS groß geschrieben. „Fördern und fordern“, nennt das die Schule in ihren Leitlinien.

Martina Stamm-Fibich war beeindruckt vom Konzept in Külsheim: „Ich würde mich freuen, wenn auch wir die Chance für so ein Pilotprojekt bekommen würden und der Freistaat Bayern sein starres Schulsystem für neue Ideen wie in Baden-Württemberg öffnen würde. Im Landkreis haben wir dafür die besten Voraussetzungen.“

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Welcher Schüler fühlt sich hier nicht wohl?

 

INFO:

In Baden-Württemberg gibt es seit dem Schuljahr 2012/2013 das Projekt der Gemeinschaftsschulen. Die Gesetzesänderung wurde am 18. April 2012 im Landtag beschlossen. Die Pater-Alois-Grimm-Schule ist eine von 42 „Starterschulen“. Die Gemeinschaftsschule ist eine leistungsstarke und sozial gerechte Schule, die sich am Leistungsprinzip aber auch am Prinzip der Chancengerechtigkeit orientiert. Sie ist eine Schule mit inklusivem Bildungsangebot, in der Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Die Bildungsstandards aller Schulen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) werden angeboten, die Schüler sollen bestmöglich entsprechend ihrer individuellen Voraussetzung, Fähigkeiten und Interessen gefördert werden.