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Intensive Diskussion (v.l.): MdB Martina Stamm-Fibich, Oberärztin Ute Hamers (Klinik am Europakanal), Erster Kriminalhauptkommissar Günter Hofer, Sandro Rösler (mudra-Drogenhilfe) und MdB Burkhard Blienert. Foto: Günter Laurer

 

Ein hochaktuelles und brisantes Thema griff Martina Stamm-Fibich bei der Veranstaltung „Crystal –Meth & Legal Highs – die Gefahren des grenzenlosen Rauschs“ auf. In einer Expertenrunde mit fachkundigem Publikum wurde im E-Werk Erlangen lebhaft über die Risiken, Folgen und notwendigen Maßnahmen im Kampf gegen Drogen diskutiert.

Seit Jahren ist die Drogenszene im Wandel. Lag im Jahr 1992 der Anteil von Heroin noch bei 70 Prozent, ist der Marktanteil der Opiate bis ins Jahr 2013 auf 13 Prozent gesunken. Stattdessen sind die Amphetamine auf einen Marktanteil von 2/3-Drittel geklettert*. Norbert Wittmann, Sozialpädagoge bei der „mudra Drogenhilfe“ in Nürnberg, führt diese Verschiebung auch auf den „Zeitgeist der Gesellschaft“ zurück. Früher ging es um betäuben und Schmerzen lindern, heute geht es um den „Kick“. Leistungssteigerung, Konzentration, Durchhaltevermögen oder ein gesteigertes Selbstbewusstsein sind die Schlagworte, die immer mehr Menschen zu Substanzen wie Crystal Meth oder zu sog. Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS) wie Kräutermischungen treiben.

Die „mudra“ hat speziell für Jugendliche das Projekt enterprise 3.0 eingerichtet. Hier werden Heranwachsende zwischen 13 und 23 Jahren betreut. Verzeichnet wird eine massive Zunahme des Missbrauchs von Kräutermischungen. Die Zielgruppe der Jugendlichen wird immer jünger. 325 Klienten verzeichnete enterprise 3.0 im Jahr 2013 – Tendenz steigend. Die jüngsten Konsumenten sind 13 Jahre alt.

In Erlangen macht der Polizei vor allem die Beschaffungskriminalität Sorgen. Sobald die Jugendlichen den steigenden Bedarf nicht mehr aus eigener Tasche bezahlen können, beginnen sie mit Diebstählen. Zudem lassen sich Kräutermischungen spielerisch mit ein paar Mausklicks im Internet bestellen. Über die Gefahren der synthetisch hergestellten Cannabinoide, die auf Kräutermischungen aufgetragen werden, wissen die Konsumenten oft nichts.  „Das EUGH hat mit seinem Urteil dafür gesorgt, dass die Stoffe der Kräutermischungen nicht unter das Arzneimittelgesetz fallen. So lange auf EU-Ebene keine einheitlichen Standards für bestimmte Stoffgruppen bestehen, werden wir das Problem nicht unterbinden können. Wir laufen immer hinterher“, mahnte Kriminalhauptkommissar Günter Hofer, Leiter des Kommissariats für Rauschgiftkriminalität in Erlangen, an.

Als Folge des Urteils vom Juli 2014 des Europäischen Gerichtshofs, der Kräutermischungen als „legal“ einstufte, suchen viele Cannabis-Konsumenten den Weg aus der Illegalität und greifen zu den Kräutermischungen. „Die THC-Konsumenten steigen um, weil die Gefahr besteht, erwischt zu werden. Da geht es um den Führerschein, den Job, die Ausbildung. Mit Kräutermischungen sind sie aus der strafrechtlichen Zone draußen“, weiß Sandro Rösler, Sozialpädagoge im Projekt enterprise 3.0 der „mudra“.

Hochbetrieb herrscht auch im Klinikum am Europakanal. „Die Drogenkonsumenten werden immer jünger“, berichtete Oberärztin Ute Hamers, Leiterin im Bereich Suchtmedizin. „Die Folgen sind verheerend. Die jungen Menschen bleiben in ihrer Entwicklung stehen. 20-Jährige fallen auf das Entwicklungsniveau eine 13-Jährigen zurück. Die Patienten sind oft äußerst aggressiv, leiden unter Psychosen, haben Wahnvorstellungen und hören Stimmen“, erklärte Hamers. Sie übergab Martina Stamm-Fibich eine Namensliste von Jugendlichen, die nicht in der Klinik behandelt werden können, da sie altersbedingt in die Jugendpsychiatrie eingewiesen werden müssten. Dort stehen in Bayern aber zu wenige Therapieplätze für Minderjährige zur Verfügung.

„Die Diskussion hat gezeigt, dass wir viel mehr im Bereich der Prävention tun müssen, vor allem an den Schulen. Dafür benötigen wir mehr finanzielle Mittel und Personal. Die Zustände in den therapeutischen Einrichtungen sind für mich so nicht akzeptabel“, sagt Martina Stamm-Fibich.

Der Bundestagsabgeordnete Burkhard Blienert, Berichterstatter für Drogen und Sucht im Gesundheitsausschuss, berichtete über die Bemühungen der SPD-Bundestagsfraktion im Kampf gegen Drogen. So wird eine länderübergreifende Lösung, insbesondere mit Tschechien, einer Hochburg der Produktion von Crystal Meth und „Legal Highs“, angestrebt. Die Schulsozialarbeit soll gestärkt werden und auch die Forschung  im Bereich der Konsumenten von synthetischen Drogen soll erweitert werden, um zielgruppenspezifische Prävention zu ermöglichen.

*Quelle: BKA-Rauschgiftlageberichte

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Besuch vor Ort: Sozialpädagoge Norbert Wittmann (li.) von der mudra-Drogenhilfe gab den MdBs Martina Stamm-Fibich und Burkhard Blienert einen Einblick in seine Arbeit.