Sondersitzung des Gesundheitsausschusses in dieser Woche: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn berichtete über die Untersuchungen zum Impfstoff von AstraZeneca.

Die Entscheidung der Bundesregierung, die Impfungen mit dem Impfstoff des Herstellers AstraZeneca vorerst zu unterbrechen, hat zu heftiger Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn geführt. Ich teile diese Kritik ausdrücklich nicht. In der jetzigen Situation wäre ein Ignorieren der Hinweise auf mögliche schwere Nebenwirkungen grob fahrlässig gewesen. Die kurze Pause war notwendig, um die Hintergründe der Verdachtsfälle genau zu analysieren und so eine transparente Abwägung zwischen dem medizinischen Nutzen der Impfung und ihren möglichen Risiken zu erlauben.

Nach intensiven Beratungen mit führenden Hämatologen und anderen medizinischen Experten, hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) empfohlen, die Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca wieder aufzunehmen. Grund für den Impfstopp waren Hinweise auf eine mögliche Verbindung zwischen dem Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers und einem vermehrten Auftreten schwerer Blutgerinnsel in den Gehirnvenen.

Sogenannte Sinusvenenthrombosen sind eine äußerst seltene spezielle Thromboseform, die zum Tod führen kann. Die Thrombose verstopft eine Vene, die das Blut aus dem Gehirn transportieren soll. Dadurch wird der Druck in der Vene erhöht, was zu einem Schlaganfall führen kann. Betroffene klagen dann über starke und über Stunden und Tage anhaltende Kopfschmerzen. Zusätzlich zu der Thrombose im Gehirn berichtet das PEI auch über punktförmige Hautblutungen.

Die EMA und ihre Partnerinstitute auf der nationalen Ebene – darunter auch das Paul-Ehrlich-Institut – haben in den letzten Tagen eine ungewöhnliche Häufung dieser speziellen Thromboseform bei Geimpften registriert. Bis gestern waren bei 1,6 Millionen Geimpften 18 Fälle bekannt. Normalerweise werden in Deutschland rund 50 Fälle im Jahr registriert. Der überwiegende Teil der betroffenen Personen waren Frauen im jungen bis mittleren Alter.

Aufgrund dieser Häufungen hatte sich das PEI am Montag dazu entschieden, einen Impfstopp zu empfehlen. In der Zwischenzeit sind das PEI und die EMA allen möglichen Hinweisen nachgegangen, um sich über die Sicherheit des Impfstoffs zu vergewissern. Die Erkenntnisse aus der Untersuchung des EMA ist ziemlich eindeutig: Ein Zusammenhang zwischen den Nebenwirkungen und dem Impfstoff ist sehr wahrscheinlich. Allerdings steht dem verschwindend geringen Risiko ein hoher medizinischer Nutzen des Impfstoffs gegen die Risiken einer COVID-19-Infektion gegenüber. Die EMA hat deshalb weder die Zulassung noch die offizielle Empfehlung angepasst.

Was lernen wir aus den Vorfällen: Erstens sehen wir, dass die Überwachungssysteme der Arzneimittelbehörden sehr gut funktionieren und selbst kleinste Häufungen von möglichen Nebenwirkungen direkt erkannt werden. Zweitens hat sich gezeigt, dass die Bundesregierung sich im Zweifel nicht davor scheut, die Impfkampagne zu unterbrechen, um Hinweisen auf mögliche Unsicherheiten bei den Impfstoffen nachzugehen. Drittens: Die Kenntnis über die Nebenwirkung versetzt uns in die Lage, aktiv Aufklärung zu betreiben, sodass die Thrombosen früh diagnostiziert und behandelt werden können.