Martina Stamm-Fibich, SPD-Patientenbeauftragte und Dirk Heidenblut, drogenpolitischer Sprecher, während einer Ausschusssitzung. Foto: DBT/Jörg F. Müller

Martina Stamm-Fibich, SPD-Patientenbeauftragte und Mitglied im Gesundheitsausschuss, setzt sich für die Opfer des Duogynon-Skandals ein. Foto: Jörg Müller/DBT

Das vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) heute im Ausschuss für Gesundheit vorgestellte Forschungsprojekt verspricht Aufklärung im Duogynon-Skandal. Im Mittelpunkt der Untersuchung wird die Rolle deutscher Behörden bezüglich Registrierung und laufender Überwachung von Duogynon stehen. Besonderer Fokus liegt dabei darauf, ob es Verbindungen zwischen der damaligen Aufsichtsbehörde BGA (heutiges BfArM) und dem Hersteller Schering AG (heute Bayer AG) gab, die dazu geführt haben, dass Duogynon trotz besseren Wissens nicht vom Markt genommen wurde.

„Ich begrüße das Vorhaben des Ministeriums, sich endlich dem Duogynon-Skandal zu stellen und das Verhalten der deutschen Aufsichtsbehörden kritisch aufzuarbeiten“, freut sich die Gesundheitspolitikerin Martina Stamm-Fibich MdB. „Dass die Untersuchung außerdem in der Abteilung „Gesundheitssicherheit“ angegliedert sein wird und nicht in der Abteilung „Arzneimittelsicherheit“ ist eine wichtige Voraussetzung, um die Unabhängigkeit der Untersuchungen zu sichern, weil hinderliche Verbindungen zwischen Untersuchenden und Untersuchten vermieden werden.“

Auf die Nachfrage von Martina Stamm-Fibich MdB, wer die Untersuchungen leiten wird und ihrer Forderung, die Duogynon-Geschädigten in das Forschungsprojekt einzubinden, zeigte das Ministerium aber deutliche Lücken auf. Es sei noch nicht entschieden, wer den Duogynon Skandal erforschen soll. In Betracht gezogen werden u.a. Historiker und Universitäten. Auch eine Beteiligung der Betroffenen war im BMG bislang kein Thema. Dieser Vorschlag werde aber „in das Ministerium mitgenommen“, erklärte die Auskunft gebende parlamentarische Staatssekretärin Sabine Weiss MdB.

„Die Beteiligung der Duogynon-Geschädigten am Forschungsprojekt muss unbedingt stattfinden“, fordert die Erlanger Bundestagsabgeordnete Stamm-Fibich. „Sie verfügen über Expertise und Beweise, die sich nicht aus Akten in Behörden sicherstellen lassen. Die Gründung eines Beirates, besetzt mit Vertretern des Ministeriums und der Betroffenen, halte ich für dringend notwendig.“

Etwaige Entschädigungsleistungen für die Betroffenen werden laut Ministerium im Forschungsprojekt nicht behandelt. Ergebnisse sollen im Laufe des nächsten Jahres vorliegen. „Es bleiben viele Fragen offen“, kritisiert Stamm-Fibich MdB. „Wir Abgeordnete müssen nun weiter Druck machen und sicherstellen, dass die richtigen Leute ausreichend Mittel erhalten, um den Duogynon-Skandal umfassend aufzuarbeiten.“

Hintergrund:

Duogynon wurde von der Schering AG (heute Bayer AG) vertrieben und ab 1950 vorwiegend als Schwangerschaftstest eingesetzt. Trotz deutlicher Warnungen vor schweren Missbildungen und eines damit zusammenhängenden Vertriebsstopps in Großbritannien in den 70er-Jahren, wurde Duogynon in Deutschland bis 1981 eingesetzt. Bereits 1967 machten sich Vertreter der Schering AG nachweislich Gedanken über eine auffällige Häufung von Missbildungen in Gebieten mit hohen Duogynon-Verkaufszahlen.

Die Einnahme des Präparates löste durch eine hochdosierte Menge an Hormonen innerhalb von einer Woche eine Blutung aus. Das Ausbleiben der Blutung deutete auf eine Schwangerschaft hin. Zahlreiche Frauen, die Duogynon zur Schwangerschaftsbestimmung verschrieben bekamen, gebaren in Folge kranke oder missgebildete Kinder. Millionen von Frauen nahmen Duogynon.

Eine juristische Aufarbeitung des Falls ist in Deutschland kaum noch möglich, da bestehende Verjährungsfristen greifen. Die Betroffenen fordern Aufklärung des Zusammenhangs zwischen Duogynon und Geburtsfehlern, die Anerkennung dessen durch die Verantwortlichen und einen staatlichen Entschädigungsfonds.