Für zwölf Wochen war Sagithjan Surendra aus Nürnberg im Büro von Martina Stamm-Fibich als Praktikant beschäftigt. Hier schildert er seine Eindrücke:

„Wir planen selbst nur von Woche zu Woche“ – ein Satz, den man aus dem Bundestag, der für 2021 schon die Sitzungswochen festgelegt hat, wohl selten hört. Das war aber die Antwort als es darum ging, ob mein Praktikum April 2020 überhaupt ob noch stattfinden kann. Nach Wochen der Ungewissheit ging es dann mit Kontaktbeschränkungen und Maske nach Berlin.

Die drei Monate im Abgeordnetenbüro Stamm-Fibich waren, um es zusammenzufassen, einzigartig. In den Bundestagsgebäuden in denen Tag und Nacht reger Betrieb herrscht, war plötzlich gähnende Leere – Mitarbeiter im Homeoffice, abgesagte Präsenzveranstaltungen, Ausschusssitzungen werden zu Telefonkonferenzen. Das Herz der Demokratie wurde zwangsdigitalisiert.

Als Praktikant war es ein Rätseln und Staunen. Nach dem Bachelor in Molekularer Medizin im Bundestag zu landen, ist nicht unbedingt konventionell, aber angesichts der gesundheitspolitischen Lage wahrscheinlich sogar eine weise Wahl. Politische Prozesse waren mir nicht so vertraut wie Viren, Impfstoffe und medizinische Forschung, aber um nichts anderes ging es in den vergangenen Monaten. Gestaunt habe ich über die Komplexität der Entscheidungsfindungsprozesse, die Verzahnung von Krankenkassen, Verbänden und wissenschaftlichen Institutionen in diesen Prozess und wie schnell Gesetze verabschiedet werden können, wenn die Umstände es erfordern. Gerätselt habe ich über viele Dinge – wie kann es sein, dass die unabhängige Patientenberatung durch einen Gesundheitsdienstleister getragen wird, der u.A. für Krankenkassen tätig ist? Wie kann es sein, dass die SPD die Anträge der Grünen inhaltlich begrüßt, in den Abstimmungen aber kategorisch ablehnt? Wie kann es sein, dass Vertreter demokratischer Parteien öffentlich MigrantInnen pauschalisieren dürfen, dass Sie „enthemmt“ ihren „Hass auf Polizisten“ entladen würden? Kompromisse heißt es in vielen Fällen.

Im Büro zeigt sich, dass Politik viel Recherche ist – Meinungen einholen, Fakten beurteilen, Perspektiven abwägen. In zwölf Wochen habe ich durch Bürgerbriefe, Petitionen und Kommentare viele Perspektiven, Herausforderungen und Hürden von Menschen erfahren.  Man versucht immer zu helfen, manchmal muss man sich aber auch in der Politik die eigene Ohnmacht eingestehen.

Während meines Praktikums waren viele wichtige Themen auf der Tagesordnung – die Corona-Krise, Debatten um Konversionstherapien, Umweltschutz, Blutspendeverbot für Homosexuelle, Rassismus, die Rolle der Polizei. Viele dieser Debatten waren anstrengend, träge und gingen am Ursprungsproblem vorbei. Aber das Fazit meines Praktikums ist auch, dass Konversionstherapien verboten wurden, ein umfangreiches Konjunktur- und Maßnahmenpaket verabschiedet wurde, das vielen in dieser Krise helfen wird und dass trotz der Krise der Umweltschutz und die Mobilitätswende nicht vergessen wurden.

Für mich waren es zwölf Wochen an neuen Erfahrungen und spannenden Perspektiven in einem Abgeordnetenbüro, Ausschusssitzungen und einem Praktikantenprogramm der SPD mit Abgeordnetengesprächen. Ich bin dankbar, dass trotz der Umstände ein Praktikum in diesem Umfang möglich war und schätze diesen intensiven Einblick in die politische Praxis. Ein Praktikum kann ich jedem, besonders auch Nicht-Politikwissenschaftlern, ans Herz legen.