„Sechs von sieben Corona-Patienten werden in Deutschland ambulant versorgt. Wir Hausärztinnen und Hausärzte halten damit den Krankenhäusern den Rücken für die Behandlung von Covid-19-Intensivpatienten frei. In Deutschland ist es deshalb nicht zu einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems gekommen, dennoch müssen auch wir dringend die Lehren aus der Corona-Pandemie ziehen, denn die zweite Welle wird kommen“, sagt Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, beim Praxisbesuch der Bundestagsabgeordneten Martina Stamm-Fibich. Die Gesundheitsexpertin der SPD informierte sich im Rahmen des Tages der Hausarztmedizin vor Ort in der Gemeinschaftspraxis in Erlangen über die aktuelle Situation.

Persönliche Schutzausrüstung, Medizintechnik und Medikamente, da waren sich Stamm-Fibich und Dr. Beier einig, müssten auch in Krisenzeiten sicher zur Verfügung stehen. „Das müssen wir auf nationaler oder europäischer Ebene lösen. Bereits vor der Corona-Pandemie hatten wir bei 300 bis 400 Medikamenten Lieferengpässe. So hängt die gesamte Antibiotikaversorgung Deutschlands de facto am Tropf Chinas. Der Hauptgrund, warum es billiger ist in Asien zu produzieren, sind dabei nicht die Lohnkosten, sondern die fehlenden Umweltstandards“, erklärt Stamm-Fibich.

Im Auftrag der Stadt Erlangen koordiniert Dr. Beier als sogenannter Versorgungsarzt in der Führungsgruppe Katastrophenschutz die medizinischen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Ein Schwerpunkt sind dabei die Alten- und Pflegeheime. „Wir müssen die alten und oft multi-morbiden Menschen schützen, aber je länger die Pandemie anhält, desto unerträglicher werden Kontaktbeschränkungen. Wir brauchen deshalb eine nachhaltige Test-Strategie in den Heimen, damit diese Menschen wieder Besuch von ihren Angehörigen bekommen können. Einsamkeit und Isolation machen krank“, so Dr. Beier.

In seiner Hausarztpraxis in Erlangen hat der Facharzt für Allgemeinmedizin außerdem spezielle Sprechstunden für Infektpatienten eingerichtet, um eine Ansteckung anderer Patienten auszuschließen. Dr. Beier: „Wir wollen damit verhindern, dass Patienten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht mehr in die Praxis kommen.“

Martina Stamm-Fibich, die auch Patientenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion ist, warnt ebenfalls davor, Arzttermine nicht wahrzunehmen: „Das kann zu schweren gesundheitlichen Folgen führen. Bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen kann eine verschleppte Behandlung sogar tödlich enden. Es darf nicht sein, dass Menschen sterben, weil sie sich aus Angst vor dem Coronavirus nicht mehr in medizinische Behandlung begeben.“

„Es ist deshalb kontraproduktiv, dass der Gemeinsame Bundesausschuss die vernünftige Ausnahmeregelung einer telefonischen Krankschreibung von Patienten mit Atemwegserkrankungen Ende des Monats auslaufen lassen will. Unsere Berufsordnung sieht allerdings im Einzelfall weiterhin die Möglichkeit einer Fernbehandlung vor. Wir Hausärzte werden mit dieser Option verantwortungsvoll umgehen“, sagt Dr. Beier.

Ergänzungsbedarf meldete der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes auch am Corona-Bonus der Bayerischen Staatsregierung an, nach dem Pflegekräfte in Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken, Alten-, Pflege- und Behinderteneinrichtungen sowie ambulanten Pflegediensten und Notfallsanitäter sowie Rettungsassistenten eine einmalige Sonderzahlung von 500 Euro erhalten: „Gerade für unsere MFAs ist der Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie eine besondere Belastung. Es ist deshalb absolut unverständlich, warum gerade die MFAs von der an sich begrüßenswerten Corona-Bonusregelung des Freistaates Bayern ausgenommen werden. Hier muss die Staatsregierung umgehend nachjustieren. Unsere MFAs dürfen nicht vergessen werden.“