Martina Stamm-Fibich, Patientenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. Foto: DBT/Marco Urban

Martina Stamm-Fibich, Patientenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. Foto: DBT/Marco Urban

23-11-2018 Hinter einer Organspende stehen tiefe Trauer und höchstes Glück zugleich. Denn der Spender verliert in aller Regel sein Leben, bevor er Spender wird. Und gleichzeitig beginnt für den Empfänger ein neues Leben. Ein Leben ohne Dialyse, ohne Krankenbett und ohne dauerhafte medizinische Überwachung. Ein neues Organ bedeutet für den Empfänger mehr Lebensqualität, mehr Mobilität und eine Rückkehr zur Normalität.

Drastischer Rückgang von Organspenden trotz breiter Unterstützung

Fakt ist, dass es sehr viel mehr Menschen gibt, die auf ein Spenderorgan warten, als Spenderorgane zur Verfügung stehen. Rund 10.000 Menschen warten in Deutschland aktuell auf eine Organspende. 797 Spenden wurden 2017 realisiert. Im Jahr 2012 waren es noch 1.046 Organspenden. Das ist ein drastischer Rückgang, der ganz offensichtlich problematisch ist.

Fragt man aber ganz prinzipiell die Spendenbereitschaft der Menschen ab, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Ein Großteil der Deutschen ist für die Organspende. Einen Organspendeausweis besitzen dennoch nur 36 Prozent der Deutschen. Es gibt ganz offensichtlich einen Unterschied zwischen der grundsätzlichen Befürwortung von Organspenden und dem weiterführenden Schritt, sich selbst zum potenziellen Spender zu machen und den Organspendeausweis auszufüllen.

Das ist für mich ein wichtiger Punkt, an dem wir ansetzen müssen. Wir müssen die Menschen aufklären, müssen den Menschen zum Beispiel die Sorge nehmen, dass ein Mensch zu früh für hirntot erklärt wird. Wir müssen Vertrauen wieder herstellen, das nach den Skandalen um Organtransplantation verloren gegangen ist. Wir müssen uns mit den Ängsten der Menschen befassen, das Gespräch suchen und Mut machen. Und wir müssen respektieren, wenn jemand über das Thema Organspende nicht sprechen möchte.

Krankenhäuser: Prozesse optimieren für mehr Organspenden

Aber natürlich muss das Problem auch gesetzgeberisch angegangen werden. Ein Punkt ist der Gesetzentwurf für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende, der am 31.10.2018 vom Kabinett beschlossen wurde. Der Gesetzentwurf regelt strukturelle und organisatorische Prozesse bei der Organtransplantation. Studien haben ergeben, dass es mehr Organtransplantationen geben könnte, wenn die Prozesse in den Krankenhäusern optimiert würden. Dazu muss die Position der Transplantationsbeauftragten gestärkt werden. Transplantationsbeauftragte müssen für diese Tätigkeit von anderen Aufgaben freigestellt werden. Sie müssen Einsicht nehmen können in Patientenakten. Außerdem muss das Krankenhaus, in dem die Organentnahme stattfindet, den gesamten Prozess der Entnahme refinanziert bekommen. Dazu gehören neben den Kosten für die eigentliche Entnahme auch sächliche und personelle Kosten.

Selbstbestimmung geht vor: Gegen eine Organabgabepflicht

Für absolut falsch halte ich dagegen den Vorschlag des Bundesgesundheitsministers, eine Widerspruchsregelung einzuführen, die jeden Menschen zwingt, sich mit der Frage einer potenziellen Organspende auseinanderzusetzen. Denn gerade weil die Organspende den Bogen von tiefer Trauer bis zum höchsten Glück spannt, ist das Thema besonders sensibel. Und als solches muss es in der gesellschaftlichen Debatte behandelt werden: Mit Respekt vor der ganz persönlichen Entscheidung eines und einer jeden einzelnen.

Dazu gehört für mich auch, dass die Organspende eine Spende bleibt. Denn das Merkmal einer Spende ist gerade die Freiwilligkeit, es geht um Selbstbestimmung. Wer bereit ist, zu geben, der gibt. Wer – aus welchen Gründen auch immer – nicht bereit ist zu geben, der kann nicht zu einer Spende gezwungen werden. Die Widerspruchslösung, wie sie der Bundesgesundheitsminister gefordert hat, verkehrt den Charakter der Spende ins Gegenteil. Aus einer freiwilligen und sehr intimen Entscheidung würde eine Pflicht. Aus einer freiwilligen Organspende eine Organabgabepflicht mit Widerspruchsoption zu machen, ist aus meiner Sicht der falsche Weg.

Von der gesellschaftlichen zur parlamentarischen Debatte

Ich halte eine freie und aufrichtige Debatte im Deutschen Bundestag für den einzig richtigen Weg, um diese Frage in all ihren Facetten zu diskutieren und um eine Antwort zu finden, wie wir künftig mit dem Thema umgehen wollen. Was wir brauchen ist eine Debatte, deren Maßstab allein das individuelle Gewissen sein kann. Denn das Thema Organspende berührt eine zutiefst ethische Frage und einen sehr persönlichen Bereich des Lebens.

Bislang wurde lediglich eine gesellschaftliche Debatte angestoßen. Und diese Debatte müssen wir nun im Parlament weiterführen. Dabei sind wir uns in einem Punkt alle einig: Wir brauchen eine größere Bereitschaft zur Organspende. Den Weg dahin werden wir gemeinsam diskutieren.