Volkskrankheit Diabetes: Immer mehr Menschen in Deutschland sind betroffen, der Auslöser für die Autoimmunkrankheit ist weitestgehend unerforscht. Foto: pixelio.de/Denise

07-04-2016 Der Weltgesundheitstag wird Jahr für Jahr auf der ganzen Welt am 7. April begangen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erinnert mit diesem Tag an ihre Gründung im Jahr 1948. Sie legt jährlich ein neues Gesundheitsthema von globaler Relevanz für den Weltgesundheitstag fest. Ziel ist es, das aus der Sicht der WHO vorrangige Gesundheitsproblem ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken.

Im Jahr 2016 stellt sie das Thema Diabetes in den Mittelpunkt des Weltgesundheitstages. Im Jahr 2008 waren weltweit 347 Millionen Menschen von Diabetes betroffen. Im Jahr 2012 verursachte die Erkrankung global 1,5 Millionen Todesfälle – 80 Prozent davon entfielen auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Diabetes stellt mit seinen zahlreichen Folgekomplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Erblindung eine wachsende Herausforderung in unserem Gesundheitssystem dar. Zu den nach heutigem Stand rund neun Millionen Diabetes-Betroffenen kommen jährlich etwa 300.000 neue Patienten hinzu. 95 Prozent der Betroffenen leiden an Diabetes Typ 2 und 2,5 Prozent an Diabetes Typ 1. Angesichts dieser steigenden Zahlen von Diabetes-Erkrankungen sind flächendeckende und nachhaltige Lösungsansätze mehr denn je gefragt.

Besonders beschäftigen mich als Berichterstatterin der SPD-Bundestagsfraktion für Kinder- und Jugendgesundheit die Zahlen der an Diabetes erkranken Kinder. Bundesweit leiden etwa 30.500 Kinder und Jugendliche von 0-19 Jahren an Typ-1-Diabetes. Eins von 670 Kindern erkrankt an Typ-1-Diabetes. Damit ist Typ-1-Diabetes die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass bis 2020 mit einer Verdoppelung der neuen Erkrankungsfälle bei Kindern unter fünf Jahren zu rechnen ist.

Trotz jahrzehntelanger Forschung ist der Auslöser der Autoimmunkrankheit unbekannt. Bewiesen ist, dass die Bauchspeicheldrüse von Typ-1-Patienten immer weniger und letztendlich kein Insulin mehr produziert. Die unweigerliche Folge: Es muss lebenslang Insulin künstlich zugeführt werden.

Warum die Neuerkrankungsrate in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen ist, wird intensiv erforscht. Neben einem polygenetisch bedingten höheren Risiko stehen vor allem Umwelteinflüsse und Infektionen im Fokus. Unter anderem scheint die erstmalige Fütterung glutenhaltiger Kost vor dem dritten Lebensmonat oder erst nach dem siebten Lebensmonat das Risiko zu erhöhen. Außerdem gibt es Hinweise, dass Stillen vor der Erkrankung schützt. Wie bei anderen Autoimmunerkrankungen wird auch übermäßige Hygiene als einer der auslösenden Faktoren vermutet.

Die Diagnose „Diabetes Typ 1“ trifft Familien oft unverhofft. Über 90 Prozent der Kinder, die an Diabetes mellitus erkranken, haben einen Typ-1-Diabetes, und dieser tritt meist plötzlich auf. Nach der Diagnose ist nichts mehr wie zuvor. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass nächtliches Wecken zur Blutzuckerkontrolle, Insulinspritzen sowie vielfaches Fingerpieksen die Freiheit der Kinder einschränken werden. Die hohe Zahl von minderjährigen Diabetes-Mellitus-Patienten bestätigt die Dringlichkeit für neue, effektive Messmethoden, die das Diabetesmanagement verbessern und in den Familienalltag leicht integrierbar sind.

Aber nicht nur der Typ-1-Diabetes, sondern auch der Typ-2-Diabetes wird in Deutschland durch die Zunahme von Übergewicht und Fehlernährung immer häufiger diagnostiziert.

Sechs Prozent der deutschen Kinder sind adipös und 13 Prozent fettleibig. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Das führt zu einer Verfünffachung der Typ-2-Diabetes-Neuerkrankungen in den letzten zehn Jahren bei Jugendlichen. Gegenwärtig erkranken ca. 200 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren in Deutschland an Typ-2-Diabetes.

Adipositas (krankhaftes Übergewicht, Fettleibigkeit) ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter geworden. Insbesondere das Ausmaß an Übergewicht bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen ist massiv angestiegen. Da ein Typ-2-Diabetes mellitus als Folge der Adipositas im Erwachsenenalter sehr häufig auftritt, ist mit einer hohen Zahl zusätzlich an Diabetes erkrankter Jugendlicher mit Typ-2-Diabetes auch in Deutschland zu rechnen.

Dennoch bleibt in Europa der Typ-1-Diabetes der weitaus größere Anteil der kindlichen Diabeteserkrankungen und steht somit im Fokus der Bemühungen von Forschung, Prävention und Krankenversorgung in der Kinderdiabetologie.

Die Besonderheiten des Kindes- und Jugendalters machen eine stark individualisierte Behandlung erforderlich. So ändert sich die Insulinempfindlichkeit ständig durch Einflüsse des Wachstums und der hormonellen Veränderungen sowie des unterschiedlichen Tagesablaufes und der besonders bei Kleinkindern häufig auftretenden Infektionskrankheiten. Die Unvorhersehbarkeit körperlicher Aktivität und die teils unregelmäßige Nahrungsaufnahme bei Kindern und Jugendlichen machen eine besonders flexible Behandlung erforderlich. Die gesamte Familie und alle Betreuer (z.B. ErzieherInnen, LehrerInnen) müssen je nach Alter und Reife des Kindes in die Behandlung eingewiesen und einbezogen werden.

Bis weit ins Jugendalter hinein tragen Eltern die Verantwortung für die tägliche Diabetestherapie ihres Kindes. Dabei müssen sie der Doppelaufgabe als liebevolle Erzieher und konsequente Therapeuten gerecht werden. Besonders fordernd ist dabei die Situation für Mütter und Väter junger Kinder. Denn die können den Sinn der vielen therapeutischen Maßnahmen nicht verstehen und widersetzen sich ihnen deshalb oft mit aller Kraft.

Eine aktuelle Umfrage bei über 500 Familien zur Auswirkung der Diabeteserkrankung eines Kindes zeigt, dass nahezu alle Mütter der jüngeren Kinder und die Hälfte der älteren Kinder ihre Berufstätigkeit nach der Diagnose eines Diabetes aufgeben oder nicht wieder aufnehmen. Nicht unerwartet berichten daher fast 50 Prozent von negativen finanziellen Folgen der Diabeteserkrankung des Kindes für die Familie. Besonders besorgniserregend finde ich den Anteil der Mütter, die in dieser Situation so überfordert sind, dass ihre seelische Gesundheit bedroht ist, vor allem durch depressive Störungen. Hier hat sich in den letzten Jahren trotz aller Therapiefortschritte wenig geändert.

Die WHO geht davon aus, dass Diabetes bis zum Jahr 2030 zu den sieben weltweit führenden Todesursachen zählt. Wirksame Präventionsmaßnahmen sind vor diesem Hintergrund enorm wichtig. Denn ein hoher Anteil an Diabetesfällen wäre vermeidbar. Bereits täglich 30 Minuten körperliche Aktivität und eine gesunde Ernährung können dazu beitragen, das Risiko für die Entwicklung eines Typ 2-Diabetes drastisch zu reduzieren, so die Weltgesundheitsorganisation.